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Wolfgang Borchert


Biographie

Wolfgang Borcherts großes Thema war der Krieg.
Und der Krieg war es auch, der schließlich dafür sorgte, daß er kein neues Thema mehr finden konnte.

Wolfgang Borchert wird am 20.Mai 1921 in Hamburg als Sohn eines Volksschullehrers und einer Mundartautorin geboren.

1939 beginnt er eine Buchhändlerlehre, die er Ende 1940 abbricht.
Anschließend nimmt er Schauspielunterricht und veröffentlicht erste Gedichte im "Hamburger Anzeiger".

Im März 1941 wird er an der Landesbühne Ost-Hannover, einer Wanderbühne, in Lüneburg als Schauspieler engagiert. Er selbst bezeichnet diese kurze Periode am Theater als die schönste seines Lebens, im Juni wird er zum Kriegsdienst eingezogen.

1942/43 wird Borchert verwundet und erkrankt an Diphtherie. Er wird wegen Selbstverstümmlung angeklagt aber freigesprochen. Zunächst bleibt er jedoch in Untersuchungshaft und wird wegen "defätistischer Äußerungen" zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Im November wird er zur "Bewährung" an die Ostfront versetzt. Wegen Gelbsucht und Fleckfieberverdacht wird er im Dezember in ein Lazarett eingeliefert und Anfang 1943 aus der Armee entlassen.

1943 arbeitet er als Kabarettist, wird dann aber wegen einer Parodie auf Joseph Goebbels verhaftet.

1944 wird Borchert wegen Defätismus zu neun Monaten Gefängnis verurteilt und in Berlin Moabit inhaftiert.
Er wird vorzeitig zur "Feindbewährung" an die Front entlassen.

Nach seiner Flucht 1945 aus französischer Kriegsgefangenschaft kehrt Borchert als Schwerkranker nach Hamburg zurück und wird Regieassistent am Hamburger Schauspielhaus.

1946 wird die Gedichtsammlung "Laterne, Nacht und Sterne" veröffentlicht, die Borcherts Gedichte aus der Zeit zwischen 1940 und 1945 enthält.
Er schreibt Kurzgeschichten unter anderem die Erzählung "Die Hundeblume". Darin thematisiert er Menschenschicksale in Kriegs- und Nachkriegszeit.

1947: Im Januar schreibt Borchert (unheilbar krank) innerhalb einer Woche das expressionistische Drama "Draußen vor der Tür". Hierin beschreibt er realistisch die Situation eines Kriegsheimkehrers sowie das Elend und die Einsamkeit, die die Kriegsgeneration nach dem desillusionierenden Kriegsende erwartet. Zunächst als Hörspiel gesendet wird das Drama am 21. November, einen Tag nach Borcherts Tod, in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. 20. November: Wolfgang Borchert stirbt während eines Kuraufenthaltes in Basel/Schweiz.
Er starb im November 1947 am Vorabend der Uraufführung seines Theaterstückes Draußen vor der Tür im Alter von 26 Jahren.
Sein Gesamtwerk blieb schmal. Die Ausgabe im Rowohlt-Verlag umfaßt gerade einmal 300 Seiten, überwiegend Kurzgeschichten und Lyrik, und dennoch finden sich Perlen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur darunter wie Das Brot oder Nachts schlafen die Ratten doch.
Sein Aufschrei Sag nein! war der Schrei einer ganzen Genration um das Leben betrogener junger Menschen. Doch Borchert war stets mehr als der Neinsager, auf den man ihn in den Zitaten noch heute reduziert. Er war ein Lebenshungriger, der nach dem Krieg im Siechtum ans Bett gefesselt Umnengen Kurzgeschichten aus seinem Krankenlager in die Welt schleuderte. Er war ein Schwärmer, voll Elan und Ungeduld, der die Welt, die Sprache, die Grammatik umstoßen wollte. Er war ein Liebender, dessen Herz blutete vor all dem Kriegsleid vor dem er im Gegensatz zu so vielen anderen seine Augen nicht verschließen konnte.
So war der letzte Schrei, den Borchert der Welt in der Person des Kriegsheimkehrers Beckmann im Drama Draußen vor der Tür entgegenschleuderte, das von tiefer Verzweiflung über das bereits einsetzende Vergessen und Verdrängen seiner Zeitgenossen geprägte:
Gibt denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort? Gibt denn keiner, keiner Antwort??


Ausschnitte


Aber man hat es doch befohlen, flüsterte der eine.
Aber wir haben es getan, schrie der andere.
Aber es war furchtbar, stöhnte der eine.
Aber manchmal hat es auch Spaß gemacht, lachte der andere.
Nein, schrie der Flüsternde.
Doch, flüsterte der andere, manchmal hat es Spaß gemacht. Das ist es ja. Richtig Spaß.
(Die Kegelbahn)


Aber Gott hat uns so gemacht.
Aber Gott hat eine Entschuldigung, sagte der andere. Es gibt ihn nicht.
[Die Kegelbahn]


Und nun hat man mich mit dem Wesen allein gelassen,
nein, nicht nur allein gelassen,
zusammen eingesperrt hat man mich mit diesem Wesen,
vor dem ich am meisten Angst habe: Mit mir selbst.
[Die Hundeblume]


Mensch bist du, giraffeneinsam
ist dein Hirn irgendwo oben am endlosen Hals.
Und dein Herz kennt keiner genau.
[Eisenbahnen, nachmittags und nachts]


Doch, doch: Wir wollen in dieser wahn-witzigen Welt noch wieder, immer wieder lieben!
[Das ist unser Manifest]


Der Mond malt ein groteskes Muster an die Mauer.
Grotesk? Ein helles Viereck, kaum gebogen,
von einer Anzahl dunkelgrauer
und schmaler Linien durchzogen.
Ein Fischernetz? Ein Spinngewebe?
Doch ach, die Wimper zittert,
wenn ich den Blick zum Fenster hebe:
Es ist vergittert!

Liebeslied.
Weil nun die Nacht kommt,
bleib ich bei dir.
Was ich dir sein kann,
gebe ich dir!

Frage mich niemals:
woher und wohin -
nimm meine Liebe,
nimm mich ganz hin!

Sei eine Nacht lang
zärtlich zu mir.
Denn eine Nacht nur
bleib ich bei dir.

Abschied.
Lass mir dein Rosenmund
noch für einen Kuss.
Draußen weiß ein fernen Hund,
dass ich weiter muss.

Lass mir deinen hellen Schoss
noch für ein Gebet.
Mach mich aller Schmerzen los!
- horch, der Seewind weht.

Lass mir noch dein weiches Haar
schnell für diesen Traum:
Dass dein Lieben Liebe war -
lass mir diesen Traum!

Legende.
Jeden Abend wartet sie in grauer
Einsamkeit und sehnt sich nach dem Glück.
Ach, in ihrem Auge nistet Trauer,
denn er kam nicht mehr zurück.

Eines Nachts hat wohl der dunkle Wind
sie verzaubert zur Laterne.
Die in ihrem Scheine glücklich seid,
flüstern leis: ich hab dich gerne.
[Der Mond lügt]


Alles, was ihm geblieben ist,
dem jungen Mann mit dem alten Gesicht,
nach dem Bombenagrff,
alles ist seine alte Küchenuhr, die ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist.
Die anderen, denen er von seiner Küchenuhr erzählt, nicken wissend:
das käme vom Druck der Bombe, dass dann die Uhren stehen blieben.
Doch der junge Mann schüttelt den Kopf.
Nein, halb drei, da war etwas ganz anderes.
Halb drei, das war nämlich die Uhrzeit, zu der er immer nach Hause gekommen ist.
Fast immer nachts um halb drei.
Doch egal, wie leise er war, seine Mutter hat ihn immer gehört und hat ihm noch das Abendessen warm gemacht.
Jede Nacht war es so, fast immer um halb drei.
Ihm war das so selbstverständlich gewesen, doch jetzt, jetzt weiß er, das war das Paradies.
Jetzt ist ihm nur noch die Küchenuhr geblieben, die ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist.
Und der Mann, der neben ihm saß, sah auf seine Schuhe.
Aber er sah seine Schuhe nicht.
Er dachte immerzu an das Wort Paradies.
[Die Küchenuhr]



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